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Vögel sind die Beobachter der Wahlen
Kein sterbender Reichsadler: Zum Gießener Nachlaßkonvolut Walter Benjamins

Von Günter Oesterle und Harald Tausch

Als wir vor kurzem ein ungeahnt umfangreiches Konvolut von Benjaminschen Handschriften, Typoskripten, Fahnen, Karteikarten, Zeitungsausschnitten und zum Teil handsignierten Büchern und Sonderdrucken in der Hand hielten, konnten wir eine ebenso faszinierende wie erschreckende Erfahrung machen. Zunächst schien sich auch bei uns variantenreich einzustellen, was Benjamin selbst in einer für ihn fast ungewohnt intimen Weise in seinem Essay »Ich packe meine Bibliothek aus« an der magischen, taktischen und besitzergreifenden Seite des Sammlers verdeutlicht hatte. Unter den Händen des Sammlers scheinen die Gegenstände, Bücher und Texte wie wiedergeboren. Zu diesem von Benjamin beschriebenen »Verfahren der Erneuerung« läßt sich gewißlich auch die Erfahrung zählen, daß altbekannte, oft gelesene, nun aber als Erstdruck oder Typoskript vorliegende Texte durch ihre veränderte materiale Gestalt (und sei es nur in der Drucktype) sich plötzlich in Unbekanntes, wie nie Gelesenes verwandeln.

Eine Steigerung erfährt dieser neue Blick auf Altbekanntes, wenn beim Aufschlagen einer Zeitschriftenerstpublikation ein Umfeld anderer Artikel sichtbar wird, das Anregungspotential für zukünftige Produktionen Benjamins erahnen läßt. Eine derartige Spekulation legt das vor uns liegende Blatt der »Literarischen Welt« vom 17. Juli 1931 nahe: Im unteren Teil der großformatigen Seite ist der Benjaminsche Essay »Ich packe meine Bibliothek aus« plaziert. Unmittelbar darüber in der oberen Hälfte ist eine Diskussion abgedruckt mit der Titelfrage: »Soll man sich Reproduktionen an die Wand hängen?«. Drängt sich da nicht die Frage auf, Benjamin könnte Anregungen für seine Beschäftigung mit den Konsequenzen der Reproduzierbarkeit von Kunst aus der in der »Literarischen Welt« geführten Diskussion erhalten haben? Wäre denkbar, daß die strittige Frage zwischen dem Herausgeber der »Literarischen Welt« und einem mit ihm befreundeten Maler, ob »in der Reproduktion das Gemälde etwas wiederbekomme, was es (in dem im sterilen Museum hängenden) Original verloren« habe, nämlich das »Milieu«, Benjamins Aufmerksamkeit für das Problem geschärft haben könnte?

Zu den Überraschungen bei der Sichtung eines derart umfangreichen Konvoluts gehört freilich auch eine anders gelagerte, eher umgekehrte Erfahrung. Etwas mit Sicherheit bislang Unbekanntes bzw. Unbeachtetes, hier z. B. die handschriftliche Widmung eines Buches durch Benjamin, erscheint dem Schicksal des Buches derart zugehörig, daß es sich als immer schon Gewidmetes darbietet. Vor uns liegt Benjamins Dissertation »Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« von 1920 mit der zwölf Jahre späteren handschriftlichen Widmung: »Martin Domke eignet dies selten vorkommende, seltner begehrte Büchlein freundschaftlichst zu der Verfasser«.Damit ist der Sammler benannt, von dem das in Gießen vorhandene umfangreiche Konvolut von Autographen Benjamins stammt.

Der Jurist Martin Domke (1892-1980), den Benjamin seit 1914 kannte, als er Präsident der »Freien Studentenschaft« an der Berliner Universität und Domke wohl sein Stellvertreter war, besaß eine bedeutende Lichtenberg-Sammlung. Benjamin erstellt für ihn Anfang der 30er Jahre eine aus mehr als 150 Karteikarten bestehende, heute in Gießen befindliche »bibliographie raisonné«.Ein »Wunderwerk, das man unter den Juden öffentlich zeigen kann«, eine »Synagoge aus Strohhalmen« hätte der Katalog werden sollen, an dem Benjamin »zweimal wöchentlich« »ein paar Stunden in seiner (Domkes) Bibliothek« arbeitete – so jedenfalls schreibt Benjamin an Scholem am 3. Oktober 1931.

Nach dem Tod Benjamins rettet Domke einen Teil des bei der Schwester gelagerten Nachlasses, indem er ihn 1941 bei seiner Emigration in die USA mitnimmt und in New York Adorno aushändigt. Anfang der 60 er Jahre veräußert Domke seine umfangreiche Benjamin-Sammlung, und der kürzlich verstorbene Germanist Clemens Heselhaus kauft sie mit Mitteln der Justus-Liebig-Universität Gießen bei einem kanadischen Antiquar. Es ist doppelt irritierend, daß ein derart leidenschaftlicher Sammler wie Domke sich von seinen Benjamin-Materialien trennt und Heselhaus, der als Pariskenner noch vor der Benjamin-Renaissance den Wert dieser Sammlung hellsichtig erkennt, diesen Fund dann aber ruhen läßt. Die Gesamtheit der Autographen ist erst seit kürzester Zeit zugänglich. Den Ausgangspunkt dieser Irritationen aufzufinden, der irgendwo zwischen New York und Montreal Anfang der 60er Jahre zu vermuten wäre, dürfte indes kaum mehr möglich sein. Das Antiquariat Heinemann in Montreal, wo Heselhaus die Materialien erwarb, ist nach einem Ortswechsel nach Kingston (Ontario) erloschen.

Der bedeutendste Teil der Gießener Sammlung dürfte das handschriftlich korrigierte Typoskript der am frühesten abgeschlossenen Fassung der »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« sein, die Benjamin im Frühjahr 1933 u. a. dem Gustav Kiepenheuer Verlag angeboten hatte. Rolf Tiedemann hat diese »Gießener Fassung« zum 50. Jubiläum des Suhrkamp-Verlags in diesem Frühjahr in ansprechender Form und mit beigefügten alten Photographien auf das Schönste ediert.

Adorno, dem man die erste Buchpublikation der »Berliner Kindheit« verdankt, mußte in den fünziger Jahren noch davon ausgehen, daß die Typoskripte, die Benjamin vor seiner endgültigen Abreise aus Berlin deutschen Verlagen zum Druck angeboten hatte, verloren waren. Weitgehend auf die eigene Erinnerung angewiesen, stellte er Zeitungsveröffentlichungen von Einzelstücken der »Berliner Kindheit« zu einem Text zusammen, dessen Publikation im Suhrkamp Verlag 1950 wesentlich zu der in diesen Jahren zögerlich einsetzenden Benjamin-Renaissance beitrug. Letztlich ist noch die Fassung der Berliner Kindheit, die dann 1972 im Rahmen der Gesammelten Schriften Benjamins erschien, dem von Adorno verantworteten Text verpflichtet.

Erst als man 1981 eine späte, in Paris entstandene Fassung der »Berliner Kindheit« in der Bibliotheque Nationale auffand, wo Bataille sie im Auftrag Benjamins versteckt hatte, meinte man, mit dieser ›Fassung letzter Hand‹ die einzige, von Benjamin authorisierte Fassung seines Textes zu besitzen. Doch erst seit September dieses Jahres, seit das Gießener Typoskript der »Berliner Kindheit« im Druck vorliegt, ist ein genauer Vergleich der späten, lakonischen, aufs äußerste verknappten ›Pariser‹ Fassung mit der frühen Konzeption des Textes möglich. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei dem Gießener Typoskript um eines jener Exemplare, die Benjamin 1933 deutschen Verlagen vergeblich zur Drucklegung angeboten hat.

Besonders kostbar ist das Exemplar durch Benjamins zahlreiche handschriftliche Korrekturen. Sogar einzelne Spontankorrekturen mit der Schreibmaschine lassen sich beobachten. Nicht nur die Anordnung der 30 Stücke, der schon immer die Aufmerksamkeit der Benjamin-Forschung galt, verspricht also neue Aufschlüsse. Anders als bei sonstigen Arbeiten »für Rundfunk und Zeitung«, von denen er am 28. Feb. 1932 sagte, daß er sie »in die Maschine quatsche«, scheint er im Falle der »Berliner Kindheit« näher an der Erstellung des Typoskriptes mitgewirkt zu haben. So lassen die Streichungen den unmittelbaren Schreibprozeß erahnen, die den Text zum work in progress geraten lassen.

Die Unabschließbarkeit von Benjamins Text ist freilich keine selbstgewählte. Im letzten noch in Deutschland verfaßten Brief, den er am 28. Februar 1933 an Gershom Scholem geschrieben hat, gibt Benjamin in wenigen Sätzen zu erkennen, daß er nicht nur die Hoffnung auf eine Aufführung des Lichtenberg-Hörspiels im Rundfunk bereits beinahe aufgegeben hat, sondern daß darüber hinaus auch die Aussichten, die »Berliner Kindheit« »als Buch erscheinen zu sehen« nunmehr »verschwindend« seien. Wenngleich er am 28. Februar 1933 seinem Freund Scholem nach Jerusalem melden konnte, daß er seit einer Woche »den Text (…) als abgeschlossen« ansehen könne, schien die »Desorganisation der Frankfurter Zeitung« doch derart fortgeschritten, daß deren Feuilletonredaktion, die das Typoskript erworben hatte, keine Anstalten mehr zu treffen schien, es zu publizieren.

Mit der nun endlich erfolgten späten Veröffentlichung der am frühesten abgeschlossenen Fassung der »Berliner Kindheit« und der in den Nachträgen der »Gesammelten Schriften« Benjamins nachlesbaren, ebenfalls in Gießen befindlichen Vorarbeiten zum Lichtenberg-Hörmodell scheint ein Kapitel der nach 1945 wiederaufgetauchten Benjamin Schriften sein relativ undramatisches Ende gefunden zu haben, – verglichen etwa mit den hitzig geführten Auseinandersetzungen um die Editionspraxis in den 60er Jahren, für die sich, wie wir heute wissen, sogar – und mit guten Gründen – Carl Schmitt interessiert hat (Helmut Lethen, FAZ vom 16. Sept. 1999).

Und doch, wenngleich die erste Fassung der »Berliner Kindheit« nun in einer schönen Edition vorliegt, dürfte eine kleine, bislang unveröffentlichte Trouvaille aus dem Gießener Bestand Aufmerksamkeit verdienen, vornehmlich, wenn man sich erinnert, welche Bedeutung die Zeichnungen Paul Klees und insbesondere dessen »Angelus Novus« für Benjamin gehabt haben. Man vergegenwärtige sich die Situation. Es ist Frühjahr 1933, nach dem Reichtagsbrand, Freunde und Bekannte Benjamins, darunter auch Brecht, verlassen Deutschland; zum nationalsozialistischen Terror kommt die Benjamin zutiefst beunruhigende Erfahrung einer zunehmenden ökonomischen Aushungerung, einer »fast mathematischen Gleichzeitigkeit, mit der von allen überhaupt in frage kommenden Stellen Manuskripte zurückgereicht, schwebende, beziehungsweise abschlussreife Verhandlungen abgebrochen, Anfragen unbeantwortet gelassen wurden.« Mitten in diesen tumultuarischen Veränderungen, Ende Februar, Anfang März 1933, versucht Benjamin, ein vom Berliner Rundfunk in Auftrag gegebenes Hörspiel zu Lichtenberg zu vollenden. Auf artifizielle Weise wird die übliche Alltagsperspektive verkehrt; Benjamin läßt die Erde von einem an der Universität Muri geschulten »Mondkomitee« die Erde aus der Nähe beobachten. Der für das Experiment geeignetste Erdbewohner ist Lichtenberg. Die Untersuchung steht unter der Leitfrage, warum es der Mensch aus lauter Zerstreuung und Interessenpluralismus, vor Hypochondrie und Sarkasmus »zu nichts bringe.« Greifen wir diesen inszenatorischen und medientechnischen Trick des Lichtenberghörspiels auf und vergegenwärtigen die aus der Perspektive des Mondes mögliche »Zeitverzerrung« sowie das für ein Hörspiel ungewöhnliche, aber für die Mondbewohner lebensnotwendige »Quantum Stille«.Richten wir also jenes dem Mondkomitee bereitstehende »Spectrophon« auf Benjamins Schreibtisch und sehen, wie er sich am Tag der Reichstagswahl, am Abend des 5. März 1933, aus der »faszinierenden Gedankenwelt« Lichtenbergs losreißt, um am Rundfunkempfänger einen der ersten Zwischenberichte des Wahlausgangs, wir würden heute von Hochrechnung sprechen, zu hören. Das Ergebnis der Auszählung der 14 Millionen von insgesamt 39 Millionen Stimmberechtigten notiert er sich auf die Rückseite eines Szenenentwurfs zum Lichtenberg-Hörspiel.






Während wir heute mit dieser letzten Reichstagswahl eher Aufmärsche und SA-Stiefel verbinden, entsteht damals dort auf dem Papier aus zarten Tintenstrichen eine gedankenverlorene Zeichnung. Untergründig mag sie der Lichtenbergschen Sudelbuchmanier korrespondieren; auch an die lakonischen Zeichnungen des späten Klee erinnert sie. Man sieht hier unterhalb der deprimierenden Wahlergebnisse keinen mächtigen, sterbenden Reichsadler, sondern eher einen auf eine Leinwand geworfenen fragilen Vogel mit hängenden Flügeln im freien Fall – unfähig je wieder frei zu fliegen. »Der Wahlvogel« hat Benjamin darunter geschrieben. Links daneben stehen einige, vielleicht ältere, Bleistiftnotizen: »2 Funkstunde« vermerkt eine.

Wendet man nun von der Rückseite des die Zukunft bestimmenden Geschehens den Blick erneut zu den vorderansichtigen Lichtenbergnotaten, so erhalten viele der dort kommentierten Maximen plötzlich eine höchst prekäre Grundierung. Neben das bedrohlich wirkende Notat »Über das Verbrechen und die Gesetze« tritt der nun unheimlich wirkende Kommentar Benjamins: Lichtenbergs »Vertrauen in die Vernunft ist ohne Grenzen gewesen: ,Wenn die Hunde, die Wespen und die Hornissen mit menschlicher Vernunft begabt werden, so könnten sie sich vielleicht der Welt bemächtigen.'« Verdüstert ist die exzerpierte Maxime Lichtenbergs: »Gerüstet sein, in jedem Augenblick auf das Erstaunlichste zu treffen«.
Zwölf Tage später, am 17. März 1933, verlässt Walter Benjamin Berlin und Deutschland.

Quelle: http://www.wbenjamin.org/giessen_convolute.html
[Der Essay ist zuerst in der
Frankfurt Allgemeine Zeitung, Nr. 8, Mittwoch, 10. Jan. 2001, S. N6 (Beilage Geisteswissenschaften) publiziert worden.]



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